Zum Inhalt springen

OGs Are Not Dead / Archiv

Cheese: Ein Fund, ein Klon, ein Mythos

Die Cheese-Familie beginnt mit einer einzelnen Pflanze aus einer Skunk-#1-Packung. Was daran belegt ist, was Grower-Folklore bleibt und was die Aroma-Forschung inzwischen widerlegt hat.

Veröffentlicht 13 Min. Lesezeit

  • Zuchtgeschichte
  • Abstammung
  • Faktencheck

Das Wichtigste

  • Cheese ist kein Kreuzungsprodukt eines Züchters, sondern ein Phänotyp-Fund (1988/89) aus Sensi-Seeds-Skunk-#1-Samen, seither nur als Klon vermehrt.
  • Der Kern der Geschichte (Skunk-#1-Phänotyp, Chiltern Hills, Ende der 1980er) ist breit konsentiert, aber nirgends forensisch oder zeitgenössisch belegt.
  • Die Rolle des Exodus Collective in der Cheese-Verbreitung steht nur in Cannabis-Fachmedien und Seedbank-Texten, nicht in der Sozialgeschichte des Kollektivs selbst.
  • Die Isovaleriansäure-Erklärung für das Käse-Aroma wurde von Abstrax Tech 2024/2025 ausdrücklich zurückgewiesen, mit Vorbehalt, weil es Industrieforschung ist.
  • Am sichersten belegt sind der Klonerwerb durch Milo Yung 2002 und die Cup-Ergebnisse ab 2006.

So liest man die Belege

Aussagen in diesem Artikel sind danach markiert, wie gut sie belegt sind.

  • BelegtMehrere unabhängige Quellen stimmen überein.
  • UmstrittenQuellen widersprechen sich.
  • FolkloreVon Züchtern überliefert, ohne Beleg.
  • UnbestätigtWeder bestätigt noch widerlegt.

Cheese ist eine der wenigen Genetiken, deren Ursprung ein Zufall war und kein Zuchtplan. Keine Kreuzung, kein Breeder mit Namen, keine Zuchtbücher. Nur eine Pflanze, die so stark nach Käse roch, dass jemand sie am Leben hielt.

Dieser Artikel trennt, was über diese Pflanze und ihre Nachkommen belegt ist, was zwischen Quellen strittig bleibt und was Folklore ist. Das ist keine Pedanterie: Bei Cheese hängt fast die ganze Erzählung an mündlicher Überlieferung.

1988–89
Fund der Mutterpflanze (Chiltern Hills, England)
ca. 1995
Weitergabe ans Exodus-Umfeld bei Luton (laut SeedFinder-Version)
2002
Milo Yung erhält einen Klon
2006
Big Buddha Cheese: Platz 1 Indica, High Times Cannabis Cup

Der Kernbefund: zwei Ebenen, zwei Beweislagen

Die am häufigsten wiedergegebene Ursprungsgeschichte ist in der Breeder-Datenbank SeedFinder.eu unter „Cheese (Clone Only Strains)“ dokumentiert:1

Cheese originated in 1988-89 as one unique female phenotype out of packet of Sensi Seeds Skunk No. 1 grown somewhere in the Chiltern Hills. [...] Around 1995 a Cheese clone was passed on to Exodus, an alternative community living in Haz Hall on the edges of Luton.

SeedFinder.eu, Eintrag „Cheese (Clone Only Strains)“

Zwei Ebenen müssen dabei sauber auseinandergehalten werden.

  1. Die pflanzenbiologische Geschichte. Ein Einzelphänotyp aus einer Skunk-#1-Samentüte, gefunden Ende der 1980er, seither ausschließlich klonal vermehrt. Das geben praktisch alle unabhängig recherchierbaren Quellen konsistent wieder: Fachmagazine, Seedbanks, Strain-Datenbanken und ein Breeder-Interview.
  2. Die Rolle des „Exodus-Kollektivs“. Deutlich schwächer belegt. Das Exodus Collective aus Luton ist historisch gut dokumentiert, doch die Darstellung dieser Organisation erwähnt an keiner Stelle eine Rolle in der Cheese-Zucht oder -Verbreitung. Die Verknüpfung stammt ausschließlich aus Cannabis-Fachmedien und Seedbank-Marketingtexten.

Das widerlegt die Exodus-Geschichte nicht. Es ist aber eine Lücke in der Beweiskette, die weiter unten genauer aufgeschlüsselt wird.

Quellenlage: nichts stammt aus der Zeit selbst

Konsultiert wurden Breeder- und Strain-Datenbanken (SeedFinder.eu, Strainpedia, Weedpedia, CannaBook, Leafly), Fachmedien und Seedbank-Journalismus (Alchimia, Soft Secrets, Kind Green Buds, ILGM, CannaConnection), ein Interview mit Milo Yung (Big Buddha Seeds), das Wikipedia-Lemma zum Exodus Collective sowie das libcom.org-Archiv, außerdem Aromachemie-Veröffentlichungen von Abstrax Tech und Herstellerangaben von Big Buddha Seeds und Barney's Farm.

Belegt

Konsentierte Version, keine forensische Tatsache

Praktisch keine der verfügbaren Quellen ist eine zeitgenössische Primärquelle für 1988 bis 1995. Alle Herkunftsdarstellungen, auch die scheinbar „offizielle“ SeedFinder-Version, sind retrospektive Rekonstruktionen aus den 2000er, 2010er und 2020er Jahren, gestützt auf mündliche Überlieferung innerhalb der Grower-Szene. Cannabis war und ist im Vereinigten Königreich illegal; Zuchtbücher, Patentanmeldungen oder amtliche Register aus dieser Zeit existieren nicht. Es gibt auch kein SNP-Fingerprinting: Eine genetische Verifikation fehlt.

Cheese, UK Cheese, Exodus Cheese: die Mutterpflanze

Der Fund

Nach der übereinstimmenden Mehrheitsversion (SeedFinder.eu, Strainpedia, Weedpedia, Alchimia, Kind Green Buds, Leafly, Prime Cuts Nursery) entstand die Mutterpflanze 1988 bis 1989 als eine einzelne, auffällig stark käsig riechende weibliche Pflanze aus einer Packung Sensi-Seeds-Skunk-#1-Samen, angebaut in den Chiltern Hills in Südengland.1614151617 Sie wurde sofort geklont, weil sie samentechnisch nicht reproduzierbar war: ein weiblicher Einzelphänotyp, keine kontrollierte Kreuzung.

SeedFinder reserviert die Kategorie „Clone Only Strains“ für nicht kommerziell gezüchtete, historisch gewachsene Klonlinien und datiert die Weitergabe ans Exodus-Umfeld („Haz Hall“, Randlage von Luton) auf etwa 1995.1

Einen benennbaren Züchter im klassischen Sinn gibt es nicht. Cheese ist keine Kreuzung eines Breeders, sondern eine Phänotyp-Selektion, ein „Fund“, innerhalb einer bereits existierenden Sorte. Das unterscheidet Cheese grundlegend von den drei anderen Namen in diesem Artikel, die allesamt Ergebnis gezielter Kreuzungsarbeit kommerzieller Seedbanks sind.

Der Hintergrund: Skunk #1

Skunk #1 gilt als eine der ersten stabilisierten Cannabis-Hybriden überhaupt, entwickelt Ende der 1970er in Kalifornien und später in den Niederlanden von David Watson alias „Sam the Skunkman“ (teils im Umfeld des Sacred-Seeds-Kollektivs, später kommerzialisiert über Sensi Seeds beziehungsweise Cultivator's Choice). Die meistgenannte Elternkombination ist Afghani × Mexican × Colombian Gold.5 Watson starb im Januar 2025 im Alter von 76 Jahren; Alchimia würdigte ihn in einem Nachruf ausdrücklich als „Ursprung“ der Cheese-Linie über Skunk #1.7

Umstritten

Woher stammte die Samentüte?

Selbst die genaue Herkunft der konkreten Skunk-#1-Samentüte, aus der die Cheese-Mutter kam, ist umstritten. Einige Quellen nennen „Sacred Seeds“, andere „Sensi Seeds“ (die spätere kommerzielle Nachfolgemarke). Alchimia merkt an: „Wo hat Sensi Seeds diese Samen ursprünglich her?“6 Schon an dieser Stelle ist die Kette von der Skunk-#1-Charge zur Cheese-Mutterpflanze nicht lückenlos belegt, sondern Gegenstand fortlaufender Community-Debatte.

Cup-Bilanz des Originals

Die originale Klonlinie hat nach heutiger Recherche keine eigenen Cannabis-Cup-Titel gewonnen. Das ist logisch: Cup-Wettbewerbe wie der High Times Cannabis Cup prämieren in aller Regel Samenprodukte kommerzieller Seedbanks, keine privaten, unverkäuflichen Klone. Der weltweite Ruhm der Cheese-Genetik wurde erst über die daraus gezüchteten Samenlinien begründet, vor allem über Big Buddha Cheese.

Exodus Cheese als Markenname

Heute führen mehrere Seedbanks (zum Beispiel Green House Seeds) „Exodus Cheese“ als eigenen Produktnamen. Der Anspruch: möglichst nah am Originalklon zu sein oder eine Samenversion davon zu liefern. Der Name ist die direkte Anerkennung der Exodus-Legende als Namensgeber.

Strainpedia und Weedpedia verwenden „Exodus Cheese“ und „UK Cheese“ weitgehend synonym mit dem Originalklon.1415 Eigenständige, von der Basis-Klonlinie unabhängige Cup-Ergebnisse für ein Produkt namens „Exodus Cheese“ wurden bei dieser Recherche nicht gefunden.

Big Buddha Cheese: der Weg vom Klon zur Samenlinie

Milo Yung, Gründer und Chefzüchter von Big Buddha Seeds (bürgerlich Michael Walong Ng, 1971 bis 2023),8 erhielt nach eigener Aussage im CannaConnection-Interview 2002 über einen Kontakt namens „Zorro“, Redakteur des Magazins Red Eye, einen Klon der Original-Cheese.9 Er kreuzte ihn mit einem reinen Afghani-Männchen und führte laut mehreren Fachmedien-Rekonstruktionen (ILGM, Kind Green Buds) über etwa fünf Rückkreuzungsgenerationen („Bx“) durch.1012 Ziel: eine samenreproduzierbare Population, die möglichst viele Eigenschaften der Klonmutter (Duft, Ertrag, Harzproduktion) zuverlässig weitergibt.

Big Buddha Cheese gewann Platz 1 in der Indica-Kategorie beim High Times Cannabis Cup 2006 (Amsterdam). In praktisch allen konsultierten Quellen gilt das als der Moment, der Cheese-Genetik international bekannt machte.

Zur Einordnung: Das Interview mit Milo Yung stützt zumindest indirekt die Chronologie („Cheese originated in England around '89 or '90“, Klonerwerb 2002 über einen Mittelsmann). Das Exodus Collective erwähnt er dagegen namentlich nicht. Er spricht nur allgemein von „friends who used to grow“, die den Klon hatten.9

Blue Cheese: Cheese trifft Blueberry

Blue Cheese stammt ebenfalls von Big Buddha Seeds (Milo Yung). Sie entstand parallel zur Fertigstellung von Big Buddha Cheese und erschien spätestens 2006; schon in den Ergebnislisten des 19. High Times Cannabis Cups (2006, Amsterdam) wird sie als platziert geführt.

Die Elternlinien sind direkt von der Herstellerseite bestätigt. Big Buddhas Produktbeschreibung, wie sie SeedFinder reproduziert, lautet: „Genetics: (Skunk No. 1 (Cheese) x Afghani) x Blueberry.“23 Konkret: Zunächst wurde aus mehreren am Markt erhältlichen Blueberry-Linien (zurückgehend auf DJ Short) ein besonders fruchtig ausgeprägtes Männchen selektiert. Dieses wurde mit der „proud mother“ gekreuzt, dem bereits stabilisierten Big-Buddha-Cheese-Zuchtstamm (also der Cheese-Klon-Linie, rückgekreuzt mit Afghani). Aus dieser F1-Population wurde wiederum ein besonders fruchtiges Männchen als Vater der finalen Blue-Cheese-Linie gewählt.

Cup-Erfolg: 3. Platz in der Sativa-Kategorie, High Times Cannabis Cup 2006. Das nennen die Preisverleihungsdaten von Big Buddha Seeds, wiedergegeben bei SeedMasters.com,21 und eine unabhängige, community-erstellte Auflistung aller High-Times-Cup-Gewinner 1988 bis 2007 im Rollitup-Forum, die dieselbe Platzierung nennt: „Sativa Cup: 1st. Mako Haze – 2nd. Opium – 3rd. Blue Cheese“.20 Dass Herstellerangabe und unabhängige Forums-Zusammenstellung übereinstimmen, stützt den Punkt vergleichsweise gut.

Pineapple Chunk: Barney's Farm und die Cup-Frage

Pineapple Chunk stammt von Barney's Farm, einer Seedbank mit Sitz in Amsterdam. Verschiedene Quellen datieren die Veröffentlichung auf das „späte erste Jahrzehnt der 2000er“ (ILGM und Kind Green Buds sprechen von etwa 2008).1012

Zur Abstammung schreibt Barney's Farm auf der eigenen Produktseite: „Pineapple Chunk was created by crossing 'Barney's Farm' Sweet Pineapple with our Cheese/Skunk #1.“22 StrainElite beschreibt es differenzierter als Dreifachkreuzung Pineapple × Cheese × Skunk #1.23 Mit „Cheese/Skunk #1“ ist bei Barney's Farm wahrscheinlich eine hauseigene, bereits stabilisierte Cheese-Linie gemeint, nicht zwingend der Original-Exodus-Klon.

Das ist ein methodisch wichtiger Punkt. Bei praktisch allen kommerziellen „Cheese“-Kreuzungen dritter und vierter Generation geht es nicht mehr um Nachkommen des Originalklons im strengen Sinn, sondern um Kreuzungen mit einer bereits mehrfach rückgekreuzten Samenlinien-Version von Cheese.

Umstritten

Pineapple Chunk: 2009 oder 2010?

Mehrere Cup-Datenbanken (Toker's Guide, PiffinTen, cannabiscupwinners.com) datieren den Gewinn übereinstimmend auf 2009 („Best Indica“).2526 Eine einzelne Quelle, Lockbox Seeds, nennt abweichend den 3. Platz beim High Times Cannabis Cup 2010.24 Das ist ein dokumentierter Widerspruch zwischen Sekundärquellen, der ohne Zugriff auf ein offizielles High-Times-Cup-Archiv des jeweiligen Jahres nicht aufzulösen ist. Die Mehrheit der unabhängig geführten Verzeichnisse (drei von vier gefundenen Quellen) nennt „Best Indica 2009“. Das gilt als wahrscheinlicher, aber nicht zweifelsfrei gesichert.

Die vier Sorten im Überblick

Kernsorten der Cheese-Familie laut recherchierter Quellenlage. Alle Angaben ohne forensische Verifikation.
SorteZüchter / UrsprungUngefähres JahrElternlinien (dokumentiert)Cup-Erfolge
Cheese / UK Cheese / Exodus CheeseKein klassischer Züchter: Wildfund / Einzelselektion, clone-only; Verbreitung dem Exodus-Umfeld (Luton) zugeschrieben1988–89 (Fund), ab ca. 1995 breitere VerbreitungSensi-Seeds-Skunk-#1-Samentüte (Skunk #1: Afghani × Mexican × Colombian Gold, Sam the Skunkman / Sacred Seeds, Ende 1970er)Keine eigenen Cup-Siege als Klon dokumentiert
Big Buddha CheeseMilo Yung (Big Buddha Seeds)Klon erhalten 2002, Samenlinie ab ca. 2004–2006Exodus-Cheese-Klon × Afghani-Männchen, mehrfach zurückgekreuzt („Bx“)1. Platz Indica, High Times Cannabis Cup 2006 (Amsterdam)
Blue CheeseBig Buddha Seeds (Milo Yung)ca. 2006(Skunk #1 „Cheese“ × Afghani) × Blueberry-Männchen (DJ-Short-Linie)3. Platz Sativa-Kategorie, High Times Cannabis Cup 2006
Pineapple ChunkBarney's Farmca. 2008/2009Cheese/Skunk #1 (hauseigene Linie) × „Sweet Pineapple“Best Indica, High Times Cannabis Cup 2009 (Mehrheitsangabe; eine Quelle nennt 3. Platz 2010)

Die Exodus-Legende: was belegt ist und was nicht

Das Exodus Collective ist unabhängig sozialhistorisch dokumentiert: im Wikipedia-Artikel (als „Good Article“ ausgezeichnet, mit Fußnoten zu George McKays Standardwerk über britische Rave-Kultur und zu Presseberichten) und im libcom.org-Archiv „Straight Outta Luton“.1819

  1. 5. Juni 1992Das Exodus Collective wird im Marsh-Farm-Gebiet von Luton als Soundsystem/Kollektiv gegründet.
  2. 1990erIllegale Free Parties und Raves mit bis zu 10.000 Besuchern, besetzte leerstehende Gebäude (unter anderem die „Long Meadow Farm“), wiederholt Konflikte mit der Bedfordshire Police, später Engagement in Wohnungs- und Sozialprojekten. Benannt nach dem Bob-Marley-Song „Exodus“.
  3. 1999Das Kollektiv unterstützt öffentlich die Legalisierung von Cannabis; dokumentiert sind Vorfälle, in denen Mitglieder beim Cannabiskonsum beobachtet oder gemeldet wurden (unter anderem in einer BBC2-Doku).
  4. um 2000Das Kollektiv löst sich auf und wird als „Leviticus“ neu gegründet; ehemalige Mitglieder gründen später „Marsh Farm Outreach“.

Was in dieser gut referenzierten Quelle nicht vorkommt: Der gesamte Wikipedia-Artikel enthält trotz umfangreicher Fußnoten zu akademischer und journalistischer Literatur keine einzige Erwähnung der Begriffe „Cheese“, „Cannabis-Zucht“ oder „Strain“ oder einer Rolle als Genetik-Verbreiter. Die Cannabis-Bezüge beschränken sich auf politischen Aktivismus und den bloßen Konsum-Vorwurf.

Folklore

Exodus Collective als Verbreiter der Cheese-Mutterpflanze

Die Verknüpfung „Exodus Collective (Luton, ab 1992) = die Gruppe, die den Cheese-Klon ab etwa 1995 verbreitet und zum kulturellen Symbol gemacht hat“ ist ausschließlich in Cannabis-Fachmedien und Seedbank-Marketingtexten belegt (SeedFinder.eu, Alchimia, ILGM, Strainpedia, Weedpedia, Kind Green Buds, Prime Cuts Nursery), nicht in der unabhängigen sozialhistorischen Hauptquelle.161214151116 Das heißt nicht zwingend, dass die Legende falsch ist: Cannabisanbau in einer legalisierungsfreundlichen, teils in besetzten Gebäuden lebenden Aktivistengruppe ist plausibel und widerspricht der dokumentierten Kultur des Kollektivs nicht.

Unbestätigt

Haz Hall, CANABIS-Kampagne, „um 1995“

SeedFinder nennt mit „Haz Hall“ und der in Cannabis-Kreisen bekannten Kampagnenorganisation CANABIS („Campaign Against Narcotic Abuse Because of Ignorance in Society“) konkrete, prinzipiell nachprüfbare Details. Diese Details (Haz Hall, CANABIS-Kampagne im Cannabis-Kontext, exakte Weitergabe „um 1995“) wurden in der Recherche in keiner zweiten, vom Cannabis-Fachmedienkomplex unabhängigen Quelle bestätigt. Einzustufen sind sie als plausible, in der Grower-Community konsensuale, aber sozialhistorisch nicht unabhängig verifizierte Überlieferung, also Grower-Folklore. Das gilt auch dann, wenn sie in praktisch jeder Cheese-Herkunftsdarstellung wiederholt wird und dadurch den Charakter einer „Branchen-Standarderzählung“ angenommen hat.

Dazu passt Milo Yungs Interview: Er nennt das Exodus Collective nicht. Die Exodus-Verknüpfung wirkt damit eher wie Teil der nachträglichen medialen Erzählung als wie ein von allen zentralen Akteuren aktiv bestätigtes Detail.9

Der Isovaleriansäure-Mythos

Über Jahre wurde in Online-Publikationen und Grower-Foren behauptet, das charakteristische Käse- und Cheddar-Aroma der Cheese-Familie gehe primär auf Isovaleriansäure zurück, eine Fettsäure, die auch für den Geruch bestimmter Käsesorten und für Fußschweiß verantwortlich ist.

Folklore

Isovaleriansäure als Käse-Aroma

Verbreitete Behauptung, Grower-Folklore und populärwissenschaftlich. Weedpedia selbst merkt korrekt an: „The signature savoury, fermented note has not been definitively attributed to a single compound.“15

Das kalifornische Aroma- und Terpenforschungsunternehmen Abstrax Tech hat in zwei aufeinander aufbauenden Whitepapers („The Case for Chemohunting“ und, März 2025, „Finding Funk“) die Isovaleriansäure-Hypothese systematisch geprüft und ausdrücklich widerlegt beziehungsweise zurückgewiesen („Isovaleric Acid Ruled Out“).272829

Laut Abstrax ist das Cheese-Aroma stattdessen das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels mehrerer freier Fettsäuren (unter anderem Caprin- und Decansäure, benannt nach dem lateinischen capra = Ziege, wegen des tierisch-pungenten Charakters dieser Säure-Familie) sowie einer erst kürzlich identifizierten, selten nachgewiesenen Esterklasse namens „Tiglate“ mit beerenartigem Charakter, die den reinen Käse-Fettsäure-Ton geschmacklich „ausbalanciert“. Abstrax betont zudem, dass Terpene allein die Aromaunterschiede zwischen Cheese-Phänotypen nicht erklären können: Auch genetisch nah verwandte Phänotypen zeigten in früheren Abstrax-Studien „substantial variations“ im Aromaprofil, unabhängig vom Terpengehalt.27

Umstritten

Vorbehalt: Industrieforschung

Abstrax ist ein kommerzielles Unternehmen, das Terpen- und Flavor-Produkte verkauft und ein Interesse an der eigenen „Chemohunting“-Marke hat. Die Whitepaper-Ergebnisse wurden nicht in einer unabhängigen, klassischen Peer-Review-Fachzeitschrift auffindbar publiziert, sondern nur als Unternehmens-Whitepaper und Pressemitteilung. Das schränkt die Aussagekraft ein, auch wenn die Autorin (Twinkle Paryani) als „lead researcher“ mit naturwissenschaftlichem Hintergrund benannt wird. Eine peer-reviewte Publikation zur Cheese-Aromachemie wurde nicht gefunden. Die Isovaleriansäure-Erklärung ist damit als populäre, weit verbreitete, aber nach aktuellem Forschungsstand widerlegte oder zumindest stark unvollständige Erklärung einzustufen, nicht als gesicherte Tatsache.

Kleinere Unstimmigkeiten in der Sekundärliteratur

  • Skunk-#1-Herkunft der Samentüte: Sacred Seeds oder Sensi Seeds, die Quellen sind uneinheitlich (siehe oben).
  • THC-Angaben: Für die Original-Cheese-Klonlinie schwanken die kolportierten Werte zwischen „14–18 %“ (Weedpedia, mit ausdrücklichem Hinweis „Weak/limited data“) und „18–22 %“ (Strainpedia).1415 Viele Online-Angaben stammen offenbar aus Dispensary- und Seedbank-Marketing und nicht aus unabhängigen Labortests der historischen Originallinie.
  • Pineapple Chunk, Cup-Jahr: 2009 gegen 2010 (siehe oben).

Die Abstammungslinie in vier Stufen

  1. Stufe 1: BasisgenetikSkunk #1, Ende der 1970er bis frühen 1980er von David Watson („Sam the Skunkman“) im Umfeld von Sacred Seeds entwickelt, später über Sensi Seeds kommerzialisiert; Elternkombination meist Afghani × Mexican × Colombian Gold. Dokumentiert, Konsens.
  2. Stufe 2: Gründungsphänotyp1988/89 Auffinden eines einzelnen, extrem käsig riechenden weiblichen Phänotyps in einer Skunk-#1-Samenpopulation in den Chiltern Hills, sofortige klonale Fixierung. Kein Züchtername überliefert. Branchenkonsens, aber ohne zeitgenössische Primärquelle.
  3. Stufe 3: Kulturelle VerbreitungAb Mitte der 1990er (laut SeedFinder-Konsensversion etwa 1995) Weitergabe des Klons ins Umfeld der britischen Free-Party- und Häuserbesetzer-Szene um Luton, in der Fachliteratur mit dem Exodus Collective verknüpft. In dieser Phase entstehen die Bezeichnungen „UK Cheese“ und „Exodus Cheese“. Kern belegt, Details überwiegend Grower-Folklore.
  4. Stufe 4: KommerzialisierungAb 2002 erhält Milo Yung Zugang zu einem Originalklon und stabilisiert daraus über Rückkreuzung mit Afghani die erste breit verfügbare Samenlinie, Big Buddha Cheese, die 2006 den High Times Cannabis Cup (Indica) gewinnt. Daraus entstehen unmittelbar Blue Cheese (Kreuzung mit einem Blueberry-Männchen, 3. Platz Sativa-Kategorie 2006) und, über unabhängige Seedbanks wie Barney's Farm, Pineapple Chunk (hauseigene Cheese/Skunk-#1-Linie × Sweet Pineapple, Cup-Erfolg vermutlich 2009). Gut dokumentiert: Herstellerangaben plus unabhängige Cup-Archive.

Von dieser vierten Stufe aus verzweigt sich die Familie in die Hunderte von Folgekreuzungen. SeedFinder dokumentiert allein für Blue Cheese 14 direkte Nachkommen.3 Für die Cheese-Basislinie führt es insgesamt deutlich mehr direkte sowie sehr viele indirekte Nachkommen über mehrere Generationen.1

Wie groß ist die Familie? 311 Mitglieder, nicht extern bestätigt

In der eigenen Datenbank von OGs Are Not Dead sind 311 Familienmitglieder erfasst. Diese Zahl ließ sich in keiner öffentlichen Quelle exakt nachvollziehen.

SeedFinder.eu listet für den Klon-Basiseintrag „Cheese“ ungefähr 27 direkt benannte „Cheese“-Sorten verschiedener Seedbanks sowie separat mehr als 44 Skunk-#1-Direktnachkommen und eine noch größere Zahl an Folgegenerationen und Hybriden. Blue Cheese allein hat laut SeedFinder 14 direkte Nachkommen, Pineapple Chunk eine eigene mehrgenerationige Genealogie-Seite.134 Eine Gesamtzahl von 311 ist als Summe über mehrere Generationen und Sub-Linien (Cheese, Big Buddha Cheese, Blue Cheese, Exodus Cheese, Pineapple Chunk) plausibel.

Unbestätigt

Die Zahl 311

Die 311 ist eine datenbankinterne Kennzahl und extern nicht bestätigt. Die Größenordnung erscheint plausibel, die genaue Zählweise (welche Generationstiefe, welche Sub-Marken mitgezählt werden) ist öffentlich nicht nachvollziehbar.

Fazit: was trägt, was nicht

Die Kerndaten (Zeitraum, Ort, Skunk-#1-Ausgangsmaterial, Einzelphänotyp, Clone-only-Status, Exodus-Zuschreibung) decken sich mit der in der Fachbranche konsentierten Version. Diese Version selbst ruht aber vollständig auf retrospektiver mündlicher Überlieferung ohne zeitgenössische Primärbelege. Für eine illegale Anbaukultur der späten 1980er und frühen 1990er Jahre ist das nicht überraschend, aber dokumentationsseitig unvermeidbar limitierend.

Am stärksten belegt sind die Ereignisse ab 2002 (Klonerwerb durch Big Buddha Seeds) und die Cup-Ergebnisse ab 2006, weil hier Herstellerangaben, unabhängige Forumsarchive und ein direktes Züchterinterview konvergieren.

Was offen bleibt

  • UK420-Forum: Die für 2003 bis 2010 zentrale britische Diskussionsplattform zur Cheese-Herkunft, unter anderem mit Threads von Personen, die sich selbst als Teil der ursprünglichen Verbreitungskette bezeichnen, konnte nicht eingesehen werden. Für die Haz-Hall- und CANABIS-Behauptungen wäre direkter Forenzugriff nötig.
  • Offizielles High-Times-Cup-Archiv 2009/2010: Zur Klärung der Pineapple-Chunk-Platzierung wurde es nicht konsultiert; es liegen nur Sekundärquellen vor.
  • Peer-reviewte Aromachemie: Eine Publikation zur Cheese-Aromachemie, die nicht Industrie-Whitepaper ist, wurde nicht gefunden. Gäbe es eine, würde sie die Einordnung der Isovaleriansäure-Frage stärken oder relativieren.
  • Die Zahl 311: Zählweise und Generationstiefe bleiben intern zu dokumentieren.

Quellen

Die Nummern entsprechen den hochgestellten Markierungen im Text.

  1. History of the Cheese strain (öffnet in neuem Tab)

    Alchimia Grow Shop Blogalchimiaweb.com

  2. Big Buddha Seeds' Milo Dies (öffnet in neuem Tab)

    Alchimia Grow Shop Blogalchimiaweb.com

  3. UK Cheese (öffnet in neuem Tab)

    Weedpediaweedpedia.org

  4. High Times Cannabis Cup Winners: 1988–2007 (öffnet in neuem Tab)

    Rollitup Forumrollitup.org

    Unabhängige Community-Zusammenstellung der Award-Listen 2006.

  5. Blue Cheese - Big Buddha Seeds (öffnet in neuem Tab)

    SeedMasters.comseedmasters.com

    Hersteller-Reproduktion des Cup-Ergebnisses 2006.

  6. Pineapple Chunk strain (öffnet in neuem Tab)

    Lockbox Seedslockboxseeds.com

    Abweichende Cup-Jahresangabe (2010).

  7. Pineapple Chunk (öffnet in neuem Tab)

    Toker's Guidetokersguide.com

  8. Pineapple Chunk - Barney's Farm (öffnet in neuem Tab)

    cannabiscupwinners.comcannabiscupwinners.com

Methode und Grenzen

Grundlage ist eine historisch-genealogische Recherche vom 11. September 2026 auf Basis von Fachmedien, Breeder- und Strain-Datenbanken, einem Breeder-Interview und Wikipedia. Eine forensische oder genetische Verifikation (etwa SNP-Fingerprinting) war nicht verfügbar. Das UK420-Forum (ukcannabis.info/UK420), in dem die Herkunftsdebatte seit den frühen 2000ern geführt wird, konnte nicht abgerufen werden; Aussagen zur Grower-Folklore stützen sich auf Sekundärquellen, die diese Diskussionen paraphrasieren. Die Cup-Angaben stammen aus Sekundärquellen, nicht aus offiziellen Archiven des jeweiligen Jahres.